Der weiße Hai in Ponyville, oder: was tun bei Geschwisterstreit?

Wenn Babies mobil werden, greifen lernen, sich gezielt mit Gegenständen beschäftigen, ist es unvermeidlich, dass sie – sofern ihre Eltern soziale Kontake zu Freunden oder Spielgruppen pflegen – dabei auf andere Kinder stoßen. Anfangs ist das „zusammen spielen“ eher ein „nebeneinanderher agieren“ – und sollte nicht gerade ein O-Ball brutal von zarten Babyhänden aus anderen zarten Babyhänden gerissen werden, kommt es hier noch vergleichsweise selten zu tränenreichen Szenen.  Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kleine Kinder am Anfang recht unbeeindruckt sind, wenn ihnen Spielzeug entwendet wird – das Verständnis von „Besitz“ bzw. „Eigentum“ wird ja erst später im kindlichen Hirn verankert, erst dann lernen sie auch, zu teilen.* Wenn die Kinder aber älter werden, kommt man früher oder später in die unangenehme Situation, dass sich das eigene Kind z.B. auf dem Spielplatz Kindern ähnlichen Alters nähert und mit diesen WIRKLICH interagieren will/muss: der bei Eltern gefürchtete „Förmchen-Streit“ ist unausweichlich. Und schon kommt man in die unangenehme Situation, sich zu fragen: wie schlichte ich den Streit um DAS rote Förmchen? Verwandle ich mich in die „petrolfarbene Paule“, die Rächerin meines irritierten oder gar traurigen Kindes, und entreiße dem fremden Kind das ersehnte Plastikteil? Preise ich meinem Kind das blaue Förmchen als das VIEL TOLLERE Förmchen an, diplomatisiere ich herum, auf dass beide Kinder nacheinander mit dem roten Förmchen spielen – oder besser noch: zusammen? Oder wage ich es, einem (mehr oder weniger) fremden Kind freundlich zu sagen, dass mein Kind gerade im Besitz des Förmchens war, dass es vielleicht sogar unser Eigentum ist? (Und würde es das Kind überhaupt schon verstehen, siehe oben, oder mit einem Lippenpups antworten?) Oder halte ich mich ganz raus? Proste der anderen Mutter relaxed mit einem Caffé Latte zu?

Schwierige Situation. Man kann ihr quasi nur entgehen, in dem man sicherheitshalber einen Hausstand an eigenem Spielzeug mitschleppt – und selbst dann ist das fremde, dreckige, verschlissene Plastikteil natürlich VIEL spannender, man kennt das.
Zweite Möglichkeit: man meidet gut frequentierte Spielplätze und lässt das Kind alleine spielen. Dummer Nebeneffekt: man hat keine ruhige Minute für seinen Caffé Latte, bzw. nur für einen „sand flavoured soil crunched Latte“, ihr versteht. Und die Frage „Mama, willst Du einen Kuchen?“ führt im Kinderspiel auch beim zehnten Mal zu keinem für Mütter befriedigenden Ergebnis, ich hab das für euch bereits stundenlang getestet.

Irgendwann entwickelt man wohl ein gewisses Verhandlungsgeschick, schützende Ignoranz gegenüber skeptischer oder vorwurfsvoller Blicke anderer Mütter, weil man das eigene Spielzeug wie eine Glucke abschirmt und „Engelszunge“ wird zum persönlichen Kampfnamen.

Und wenn man Level 1 gemeistert hat, und meint, man hätte das Kinderstreitding gewuppt und ach so schwer sei das ja nicht, bekommt man noch ein Kind, und das ganze Drama wird auf Level 2 gehoben.

Denn plötzlich hat man ein großes Kind, das endlich ansehnliche Duplogebilde baut oder meterhohe Türme aus Puppenhausmöbeln aufschlichtet oder „Morgenkreis“ mit Schleichtieren spielt oder eine Familienaufstellung in Ponyville exerziert. Und während man das noch (die ersten drölfzig Male) enthusiastisch bewundert und angemessen lobpreist, setzt die Musik vom weißen Hai ein, das kleine Kind speedkrabbelt mit gesenktem Kopf und Affenzahn auf den Morgenkreis zu und – nein, da möchte man nicht Zeuge sein.

Und schon stellen sich die Fragen aller Fragen in der Mehrkindelternschaft: Wer muss zurückstecken? Wie lange hat das Baby Welpenschutz? Muss das große Kind wirklich immer irgendwo OBEN spielen, damit das kleine Kind nicht rankommt? Ab wann wird eigentlich „Vernunft“ im kindlichen Gehirn verankert? Wieso ist der Kleine eigentlich so schnell und stark, wenn man versucht, ihn von Kunstwerken fernzuhalten? Und wie oft werde ich heute noch sagen „Nein, nicht den Kleinen hauen!“?

Fragen über Fragen, und mir deucht so langsam, dass das in den nächsten Jahren nicht einfacher werden wird. Ich schneidere also mein Superheldinnenkostüm mal eben um, werde zur „petrolfarbenen Pädagogin“ und versuche mein Bestes.

Wie läuft das bei Euch? Habt Ihr auch das Gefühl, mit dem zweiten Kind eine Zusatzausbildung zum Schiedsrichter gewonnen zu haben?

Ist es wirklich so, dass das große Kind immer verstehen „muss“, dass das kleine Kind etwas noch nicht verstehen „kann“?

Habt Ihr selbst Geschwister? Und kennt Ihr das noch von früher? Und wird das vielleicht mit noch mehr Kindern irgendwie einfacher?

*eine sehr lesenwerte Quelle für die Entwicklung des kindlichen Denk- und (Ein-)Fühlvermögens ist der Blog gewünschtestes Wunschkind aller Zeiten – und nicht nur dafür, eigentlich für alles, was man am geliebten Nachwuchs irgendwie fragwürdig und nervig findet 😉

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