Von meinem zwiespältigen Verhältnis zum Vegan-Sein (inkl. Buchempfehlung)

Ich bin seit 18 Jahren Vegetarierin, also tatsächlich länger als mein halbes Leben. Und ich werde nicht wirklich warm mit VeganerInnen. Nicht mit veganer Ernährung an sich. Aber mit dem Forentroll-Veganer, der sich in schöner Regelmäßigkeit nach vorne drängelt und den spindeldürren Zeigefinger hebt. Besonders häufig tut er/sie sich z.B. bei Facebook-Seiten von Alnatura, Alverde etc. hervor, also bei Marken, die sich zwar Naturverbundenheit und –kosmetik auf ihre Fahnen geschrieben haben – aber eben nicht grundsätzlich vegan sind. Kaum wird also ein neues Produkt präsentiert, geht das “vegan?”  “vegan?”  “vegan?”-Geschrei(be) los. Ich stell mir das geräuschlich dann immer so vor wie die Möwen bei “Findet Nemo”: “meins? meins? meins?”. Und sobald die Firma dann (irgendwie kleinlaut, warum auch immer) zugibt (zugeben?), dass das Produkt leider (wieso?) nicht vegan sein, geht das Bashing los. Und gegen diese (vermutlich / hoffentlich wenigen) militanten Veganer hab ich was. Dogmatische Bessermenschen mit Missionierungsdrang. (Na dann mal los, haters.)

Und ich habe etwas gegen den aktuellen Vegan-Hype, getragen durch selbst ernannte Vegan-Päpste, die in ihren Kochbüchern auf fast jeder Seite zu sehen sind. Dieser Hype ist eine unheimliche Geldscheffelmaschinerie, die meiner Meinung nach auf falschen Versprechungen oder Annahmen fußt: Vegane Ernährung als Allheilmittel schlechthin. Alles scheint damit möglich zu sein: Gesünder, fitter, schöner, jünger, sexy, erfolgreich… Dabei sind vegane Austauschstoffe (veganer Käse z.B.) oft viel fetter als ihr tierisches Äquivalent.* Von gesünder kann also keine Rede sein, man kennt das ja von “Pudding-Vegetariern” also denen, die sich keine großen Gedanken um ausgewogene Ernährung machen sondern einfach die fleischlose Variante Junkfood nehmen. Eine wirklich ausgewogene vegane Ernährung ist sicher möglich – aber sehr (!) aufwändig und man muss sich gut informieren, wie Eiweiß, Eisen und sonstige Nähr- und Mineralstoffe tierischen Ursprungs durch geschickte Kombination von Gemüse, Getreide und Hülsenfrüchten ersetzt werden können. Ich denke, der Hype wird bald verebben – und was davon übrig bleiben wird sind einige stinkreiche Kochbuchautoren (DIESE macht vegane Ernährung in der Tat erfolg- und reich) und ein Haufen Mangelerscheinungen bei ihren Anhängern (da freut sich dann die Nahrungsergänzungsindustrie). Denn so einfach, wie sich der Verzicht auf tierische Produkte aller Art anhört, ist es nicht, wenn man sich ausgeglichen ernähren will (das ist schon bei vegetarischer Ernährung so).

Vegane Ernährung ist also nicht per se gesund und empfehlenswert, was sie aber ist – und da steig dann auch ich mit ein – sie ist Gewissens- und Moralsache und eigentlich (eiiiigentlich) das einzig Richtige, das ist mir schon klar. (Und nein, Herr Brecht, an diesem Punkt müssen wir endlich mal weg von der von Ihnen so oft zitierten Hierarchie von Fressen und Moral.) Und auch wenn ich (im Moment noch) nicht auf Eier, Milchkaffee und echten stinkigen Käse verzichten will, hab ich doch eine recht gute Phantasie und ein gut formbares Gewissen. Und Begriffe wie “schreddern” im Bezug auf Hahnenküken und “Muttergefühle” bei Kühen brauch ich gar nicht “in echt” zu sehen, um ein mehr als flaues Gefühl in der Magengegend zu bekommen.** In jener Gegend, wo nachmittags gern mit Ei und Butter gebackene Cookies mit einem leckeren Milchkaffee hinwandern. Weil Kekse sind schon was Tolles.

Noch toller sind also (ich find den Bogen schon gelungen) die veganen Cookies z.B. aus diesem Buch:

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(Die ganzen Klebezettelchen zeigen eindeutig, dass da mehr als nur zwei Rezepte ausprobiert werden wollen)

Und zwar aus dreierlei Gründen. Erstens: Ich verzichte – zumindest in diesem Fall (und der trat in den letzten Wochen schon dreimal ein) auf tierische Produkte. Und jedes nicht gegessene Ei find ich schon einen Gewinn. Zweitens: Ich kann endlich mal wieder Teig naschen weil kein rohes Ei drin ist (buaaah!). Und drittens (der wichtigste Grund): Sie sind unglaublich lecker!

Mein erster Versuch waren Cookies mit Banane, Haferflocken und Schokostückchen – sehr kernig, sehr lecker (sehr süß, ich sollte an meiner Gewohnheit festhalten, bei Rezepten IMMER die Zuckermenge zu reduzieren) – allerdings nehm ich das nächste Mal doch lieber das vorgeschlagene Rapsöl und nicht mehr Sonnenblumenöl. Das schmeckte doch arg hervor.

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Der zweite Versuch heute ist noch viel besser gelungen! Tahin-Limetten-Cookies. Das Rezept (so wie ich es gebacken hab) möchte ich Euch nicht vorenthalten.

Die Mengenangaben sind – typisch amerikanisch – nicht in Gewicht sondern in Volumen angegeben, also Cups/Tassen. Ich hab mir neulich einen Satz Cup-Messlöffel gekauft, aber ich denke, jede Tasse mit etwa 240ml Fassungsvermögen tut hier ihren Dienst. Wenn ich was vom American Way of Baking gelernt hab, dann, dass es bei Cookies echt nicht auf jedes Gramm ankommt.

Tahin-Limetten-Cookies

  • 1/2 Tassse Kokosfett, (an)geschmolzen
  • knapp 1/2 Tasse weißer Zucker
  • knapp 1/4 Tasse brauner Zucker
  • 1/2 Tasse Tahin (sowas wie Zimmertemperatur Zwinkerndes Smiley)
  • 3 EL Mandelmilch (oder jeder andere “Pflanzendrink”, nach Bedarf etwas mehr)
  • abgeriebene Schale von 2 unbehandelten Limetten
  • etwas Bourbonvanille (ich nehm hier bequemerweise immer die gemahlene von Brecht)
  • 1 1/4 Tassen Weizenmehl
  • 2 EL Maisstärke
  • 1/2 TL Backpulver
  • 1/2 TL Salz (echt jetzt, nehmt wirklich soviel!)
  • knapp 1/4 Tasse Sesamkörner
  1. Backofen auf 180 Grad vorheizen und Backbleche mit Backpapier auslegen
  2. Kokosfett und Zucker schaumig schlagen
  3. Tahin, Mandelmilch, Limettenschale und Vanille unterrühren
  4. Mehl, Backpulver, Maisstärke und Salz mischen und unterrühren, dann das ganze mit den Händen nochmal kräftig verkneten und prüfen, ob der Teig geschmeidig genug ist, um daraus Kugeln zu formen. Sonst noch etwas Mandelmilch nachgeben
  5. Walnussgroße Kugeln formen und zwischen den Händen platt drücken. Eine Seite der platten Kugel in Sesam drücken und mit Sesam nach oben aufs Blech setzen (sie zerlaufen nicht so stark, trotzdem etwas Abstand halten).
  6. 10 bis 12 Minuten backen, aus dem Ofen nehmen und kurz auskühlen lassen. Dann auf einem Abkühlgitter ganz auskühlen lassen und genießen.

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Der Milchkaffee dazu ist natürlich nicht konsequent. Aber leider vertrag ich weder Soja- noch Mandel- oder Haselnussmilch im unerhitzten Zustand. Reis- und Hafermilch hab ich noch nicht ausprobiert. Im Moment beruhige ich mein Gewissen mit Biomilch, möglichst aus der Region. Mal sehen, wie es weiter gehen wird…


* Siehe da, kaum hab ich diesen Blogpost veröffentlicht, macht im Internet die Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg die Runde, die genau das herausgefunden hat: Vegane Lebensmittel sind oft zu salzig und auf keinen Fall automatisch besser. (Hier geht’s zum Bericht der VZHH)

** Isabel Bogdan hat einen lesenswerten (oben schon verlinkten) Blogpost zum Thema Veganismus verfasst und kommt zum für mich etwas schwierigen Schluss, dass humanes (kann man das im Zusammenhang mit Tieren überhaupt sagen?) Töten nach artgerechtem Leben moralisch möglich sei und dieses Fleisch dann zwar teuer aber moralisch essbar. Für Milch und Eier gelte das aber aus den von mir angerissenen Gründen nicht. Okay, ich unterschreib’s doch, aber Fleisch würd ich trotzdem nicht essen weil das für mich persönlich eine ganz andere Ebene ist. Warum ich Eier und Milch nicht auf diese Ebene stelle kann (mag?) ich grad noch nicht so ganz für mich definieren. Vermutlich weil ein Leben ohne Teilchen beim Bäcker und Pizza im Restaurant ein traurigeres sein könnte. Oder ein schwierigeres, sagen wir es so. Ihr seht, ich bewege mich.

2 Gedanken zu “Von meinem zwiespältigen Verhältnis zum Vegan-Sein (inkl. Buchempfehlung)

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